The Art of the Chaos

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Henri Hagen, 12.04.2025

Ich habe ein Handelsdefizit mit dem China-Restaurant bei mir um die Ecke. Ich kaufe ständig bei ihnen Essen, aber sie kaufen nie etwas von mir. Deshalb habe ich beschlossen, auf jede Bestellung freiwillig 125% draufzuschlagen und den Betrag direkt in den Müll zu werfen – das wird mich dazu motivieren, mein chinesisches Essen selbst zu kochen.

So in etwa ist erstmal die zugrundeliegende Logik, die Machthaber Trump und seine Lakaien anwenden. Kein Wunder also, dass in chinesischen WeChat Gruppen belustigt Fotos von Kleidung-nähenden Amerikanern herumgeschickt werden, wenn ja Trump die Fertigung von Produkten in die USA zurückholen möchte.

I. Was bisher geschah

Die vergangene Woche zählte zu den volatilsten der jüngeren Marktgeschichte – ausgelöst durch Donald Trumps überraschend aggressive Zollpolitik. Nach seiner Zolloffensive aus dem Rosengarten des Weißen Hauses, die sämtliche Erwartungen übertraf, folgte ein mehrtägiger Ausverkauf an den Börsen. Am Mittwoch dann der Wendepunkt: Während die Anleihemärkte mit steigenden Renditen Alarm schlugen[1], verkündete Trump via Social Media, es sei „eine großartige Zeit zum Kaufen“. Wenig später setzte er bestimmte Zölle für 90 Tage aus und signalisierte Verhandlungsbereitschaft – eine historische Rallye folgte. Der Nasdaq legte über 12 % zu, der S&P 500 stieg um 9,5 %, der Dow Jones um knapp 8 %. Doch die Euphorie verpuffte schnell: Neue Drohgebärden gegenüber China und ein Einbruch im US-Verbrauchervertrauen sorgten erneut für Verunsicherung. Zeitgleich stieg die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen um 50 Basispunkte – die stärkste Wochenbewegung seit 2001 –, der Dollar fiel, Gold erreichte ein Allzeithoch. Anleger flohen in Sachwerte, getrieben von wachsender Angst vor Inflation, Rezession und fiskalischer Instabilität[2].

Dass Trump mit Zöllen droht, ist nichts neues. Tatsächlich empfinden die USA[3] sich und ihre Güter tatsächlich in vielen Märkten als benachteiligt, ein Narrativ das gezielt vom Apparat Trump bespielt wird. Ein verhältnismäßiges Zollregime, wie von Trump im Wahlkampf versprochen und an den Märkten erwartet, hätte so also präzise auf einzelne Staaten eingehen und zu konkreten Verhandlungen anreizen können. Die aus dieser Logik folgende Zoll-Last hätte für die meisten Staaten bei circa 10% gelegen und wohl auch nur zu geringem internationalen Aufschrei geführt.

Doch Trump macht seine Politik ohne eine wichtige Grundannahme: Freihandel steigert Wohlstand. Und zwar, weil sich Länder auf das spezialisieren können, was sie relativ am besten können. So entwerfen etwa die USA iPhone-Designs, die technologisch anspruchsvoll sind und einen Großteil der Wertschöpfung ausmachen, während die Produktion in Niedriglohnländern wie China erfolgt. China übernimmt die arbeitsintensive Fertigung, die es günstiger leisten kann. Durch diesen Tausch entstehen mehr Güter und Dienstleistungen insgesamt – beide Seiten profitieren, obwohl sie unterschiedlich beitragen. Das ist das kleine Einmaleins der Volkswirtschaftslehre. 

Das Ganze erfordert allerdings einen Willen zur Kooperation sowie ein grundlegendes Verständnis dafür, dass beide Seiten profitieren können und es kein Nullsummenspiel ist. Dieses zeigt Trump nicht. Im Gegenteil, er hat in der vergangenen Woche Freunde wie Rivalen vor den Pranger gestellt und wahllos mit Zöllen angegriffen[4], was nicht nur die Aktienmärkte, sondern auch die Anleihenmärkte in eine Krise gestürzt hat, woraufhin Trump die Zölle für alle Staaten mit Ausnahme China für 90 Tage auf 10% reduziert hat.

Es stellen sich daher einige Fragen zur Idee hinter dem Ganzen, den Folgen und zuletzt, wie es nun weitergeht. Dafür werde ich im Folgenden einige Grundlagen und Theorien herleiten, um im Anschluss die Geschehnisse einzuordnen und meinen Erklärungsansatz zu geben.

II. Was war die Ursprungsidee hinter der ganzen Aktion?

Mittlerweile sollte klar sein, dass niemand so recht weiß, was in den Köpfen von Autokraten vorgeht. Diese treffen zeitweise sehr wahllos wirkende Entscheidungen, deren Hintergrund nur durch Spekulation erahnt werden kann. Nichtsdestotrotz existieren einige, zumindest in Teilen sehr überzeugende Erklärungsansätze hinter dem von Machthaber Trump losgetretenen Maßnahmen und dem daraus resultierenden Chaos.

Theorie 1: The Art of the Deal – Zollchaos als Verhandlungshebel

Der Ansatz lässt sich etwas so zusammenfassen: Man droht so lange, aggressiv das Dach einzureißen, bis das Gegenüber einwilligt, ein Fenster in die Wand zu schlagen. In diesem Fall wären die hohen Zölle also primär ein verhandlungstaktisches Instrument gewesen – ganz im Sinne von Trumps Buch The Art of the Deal: Partner unter Druck setzen, um bessere Deals zu erzwingen. Ein klassischer Nullsummen-Ansatz. So zumindest argumentiert Trump’s Pressesprecherin im Weißen Haus, Karoline Leavitt, die gegenüber den Medien erklärte, alles sei genau nach Plan verlaufen – die Presse habe Trumps Buch über Verhandlungstaktiken offenbar nicht gelesen[5].

Ein möglicher Beweggrund für diesen Ansatz ist, dass Europa und der Westen in den vergangenen Jahren ohne akuten Handlungsdruck tatsächlich wenig Bereitschaft gezeigt haben, mehr Verantwortung zu übernehmen. Faktisch ist es so, dass die USA seit der neuen Weltordnung von 1945 als Hegemon den Freihandel garantieren. Ohne die Schutzmacht USA könnten Flugzeuge und Schiffe kaum ungehindert den Luftraum oder die Weltmeere durchqueren – mit der möglichen Folge einer Rückkehr moderner Piraterie (vgl. Peter Zeihan, The End of the World is Just the Beginning).

Insofern enthält Trumps Argument, der Wohlstand anderer Länder sei auf den Schultern der USA erbaut, durchaus einen wahren Kern. Das Ziel seines Handelns könnte also sein, Vereinbarungen zu erreichen, durch die mehr amerikanische Produkte im Ausland nachgefragt werden – was nicht nur, wie von Trump versprochen, zu mehr Jobs in den USA führen soll, sondern auch ein wirtschaftliches Gleichgewicht schafft, von dem die USA direkt profitieren. Dass die Vereinigten Staaten allerdings als Werkbank der Welt wenig geeignet sind und stattdessen vor allem hochpreisige Dienstleistungen exportieren, blendet Trump dabei aus.

Theorie 2: Künstlich erzeugte Krise als fiskalpolitische Taktik: US-Schulden, Zinspolitik und die Hoffnung auf günstige Refinanzierung.

Einem aktuellen Bericht des US Congressional Budget Office zufolge wird das Schuldenlimit der USA voraussichtlich im Juli erreicht – was erneut das alljährliche Chaos eines drohenden Regierungsshutdowns auslösen dürfte. Insgesamt hat die Staatsverschuldung ein Niveau erreicht, das durch reguläre Rückzahlungen kaum noch tragbar erscheint – insbesondere nicht, wenn man seinen Milliardärsfreunden historische Steuersenkungen versprochen hat. Historisch führt wirtschaftliche Unsicherheit oft zu Umschichtungen: Weg von Aktien, hin zu als sicher geltenden US-Staatsanleihen („Treasury Bonds“), was deren Nachfrage erhöht.

Der Ansatz lautet also wie folgt: Angesichts der wachsenden Verschuldung und der bevorstehenden Kollision mit der Schuldenobergrenze setzt Trump gezielt auf eine Krisenstrategie. Durch massive Zollerhöhungen wird bewusst wirtschaftliche Unsicherheit erzeugt – mit dem Ziel, die Aktienmärkte unter Druck zu setzen und eine Kapitalflucht in US-Staatsanleihen auszulösen. Die steigende Nachfrage treibt deren Kurse, senkt die Renditen und damit auch die Zinsen – was die Refinanzierung des hoch verschuldeten US-Haushalts erleichtert. Vor dem Hintergrund von Trumps geplanten Steuersenkungen für Vermögende könnten die USA so trotz struktureller Defizite kurzfristig handlungsfähig bleiben. Allerdings ist dies eine riskante Taktik, die das Vertrauen in die US-Wirtschaft untergräbt und die internationalen Finanzmärkte destabilisieren kann. Und wie sich zeigen wird, ist an diesem Risiko mehr dran, als vielen lieb sein dürfte.

Theorie 3: Bewusstes Vorantreiben der Spaltung 

Man muss klarstellen, dass diese Theorie auch unter Verschwörungstheoretikern Anklang findet – als angeblich langfristig geplanter Versuch der Eliten, moderne Sklaverei wieder einzuführen. Doch auch ohne ins Absurde abzudriften, lässt sich ein beunruhigendes Argument aufführen.

Weitere soziale Spaltung kann für einige Akteure durchaus strategischen Wert besitzen. Eine tiefer gespaltene Gesellschaft macht die USA im globalen Wettbewerb unter gewissen Gesichtspunkten “wettbewerbsfähiger” – etwa durch einen gedrückten Lohnsektor. Denn die Vereinigten Staaten sind ohnehin das Land der extremen Ungleichheiten: Laut einer Studie von Emmanuel Saez und Gabriel Zucman stieg der Anteil des reichsten 0,1 % der US-Haushalte am Gesamtvermögen von 7 % im Jahr 1978 auf 22 % im Jahr 2012[6]. Diese Zahlen verdeutlichen eine erhebliche Konzentration des Vermögens in den Händen einer sehr kleinen Bevölkerungsgruppe. Wer einen Blick auf die Gästeliste von Trumps Amtseinführung wirft oder das wirtschaftsfreundliche Handeln von Vizepräsident Musk betrachtet, erkennt schnell die enge Verzahnung zwischen Großkapital und den Trump-nahen Republikanern.

Die Idee wäre also, durch gezielte wirtschaftliche Selbstsabotage den Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten zu verringern – mit dem Ziel, ihren gesellschaftlichen Einfluss zu schwächen und sie in prekäre Arbeitsverhältnisse zu drängen, die sie unter normalen Umständen nicht akzeptieren würden. Allerdings stellt sich die Frage, wie viel Tech-Milliardäre wie Jeff Bezos tatsächlich davon hätten, wenn die Kaufkraft ihrer Kundschaft schwindet und damit die Grundlage ihrer Geschäftsmodelle ins Wanken gerät. Wohl eher wenig, denn langfristig ist Wohlstand nur durch Wachstum erreichbar. Insofern wäre das allenfalls eine kurzfristige Taktik. Für eine echte „große Vision“ fehlen mir jedenfalls handfeste Argumente. 

Denkbar bleibt allerdings die Perspektive, nach einem kurzfristigen Lohndruck mit einem „Wachstumsturbo“ durchzustarten – etwa durch international wettbewerbsfähigere Bedingungen und neue Freihandelsabkommen, mit denen die USA offensiv in die Weltwirtschaft zurückkehren. 

III. Die Umsetzung – Theorie trifft Realität

Aus meiner Sicht ist in der vergangenen Woche für die Trump-Regierung vieles schiefgelaufen. Märkte mögen keine Volatilität. Unsicherheit über die Zukunft der US-Wirtschaft führt zu Kapitalabflüssen – nicht zu einer stabilisierenden Umschichtung, wie von Trump offenbar erhofft. Statt in großem Stil US-Staatsanleihen zu kaufen, zeigten sich Anleger derart verunsichert von der widersprüchlichen politischen Lage, dass nicht nur Aktien fielen, sondern auch die Renditen von US-Anleihen stiegen. Das Ergebnis war somit das Gegenteil von „America First“ und dem, was Trump vermutlich erwartet hatte – es war keine risikoarme Flucht in Bonds, sondern ein Misstrauensvotum gegen den Gesamtzustand der US-Finanzpolitik.

Auch eine weniger drastische Zollpolitik hätte aus meiner Sicht weite Teile seiner Anhängerschaft mitgenommen – sie hätte zumindest ein Mindestmaß an Planungssicherheit geboten. Doch die tatsächlichen Maßnahmen sprengten diesen Rahmen deutlich. Die Absurdität der Situation zeigt sich exemplarisch an den widersprüchlichen Rechtfertigungen aus dem Trump-Lager. In einem CNBC-Interview[7] kritisiert der US-Journalist Derek Thompson die Administration scharf und faktenbasiert: Mal sollen Zölle dauerhaft Einnahmen bringen, mal dienen sie als bloßes Verhandlungsinstrument. Eine konsistente Strategie sei nicht erkennbar. Für Thompson steht fest: Die Verantwortlichen wissen offenbar selbst nicht, was sie tun – oder warum. Besonders gefährlich sei die gezielte Erzeugung von Unsicherheit als taktisches Mittel. Denn Unternehmen bräuchten Verlässlichkeit, um zu investieren; Unsicherheit blockiere Wachstum, gefährde Jobs – vor allem für junge Menschen – und führe zu einer künstlichen Verknappung („scarcity“) statt zur angestrebten „abundance“, also einer wachstumsorientierten Ökonomie der Fülle. Wenn das Ziel also die Senkung der hohen Inflation, beispielsweise im Bausektor, seien, sind pauschale Zölle auf Holz aus Kanada und Gips aus Mexiko gänzlich fehlgeleitet. Thompsons Fazit: Trumps Kurs ist kein Weg zum Wohlstand, sondern einer in die wirtschaftliche Abschottung und strukturelle Schwächung.

Diese Realität hat nun auch Teile der bisherigen Unterstützerbasis verunsichert – darunter Investor Bill Ackman oder Vize Elon Musk. Genauso trifft es auch jetzt schon den US-amerikanische Konsumenten. Schon jetzt schlagen sich Trumps „Liberation Tariffs“ direkt im Geldbeutel nieder[8]. Eine solche Politik geht nur eine gewisse Zeit gut – und auch ein Autokrat bleibt nur solange unangetastet, wie die Unzufriedenheit nicht überkocht.

Meine Gesamteinschätzung: Die 180° Wende von „maximal Zölle“ am Montag mit der daraus resultierende Achterbahnfahrt der Finanzmärkte und schlussendlich „10% auf alle außer China“ ist für mich ein Indiz, dass Trump über das Ziel hinausgeschossen ist. Es war wohl ein mäßig durchdachter Plan mit erkennbarem Fokus auf die Refinanzierung der USA und einem langfristigen Ziel eines ausgeglicheneren Außenhandels – der Rest: Nebelkerzen. Weniger bösartig als inkompetent, auch wenn Trump sehr wohl wusste, was seine Riesen-Zölle an den Märkten auslösen würden. Als es aus dem Ruder lief, folgte das hastige Zurückrudern. In jedem Fall halte ich mich in solchen Fällen bevorzugt an die Faustregel, nichts auf große Pläne zu schieben, was sich auch durch Dummheit erklären lässt.

IV. Wo stehen wir also?

Kommen wir jetzt zu den Konsequenzen des geschehenen. Während die EU wie die meisten Länder zunächst verhalten reagiert haben, lässt sich nicht jeder gerne herumschubsen – schon gar nicht ein traditionell stolzes Land wie China, das trotz jüngster wirtschaftlicher Schwäche zunehmend in der Gewichtsklasse der USA mitspielt. Trumps unpopuläre Zölle sind für Peking daher eine Steilvorlage: Die Krise beschleunigt Chinas Bemühungen, sich wirtschaftlich zu entkoppeln – politisch wie strategisch. Nach innen funktioniert das altbewährte „wir gegen die“-Narrativ bestens, während nach außen das lange angestrebte Image des „fairen Players“ plötzlich greifbar wird. 

Der globale Süden und Teile Europas könnten in China nun eine berechenbare Alternative zu den USA sehen – trotz Menschenrechtslage und der autoritären Herrschaft der sog. „kommunistischen“ Partei, oder korrekter Staatskapitalistische Partei Chinas. Gleichzeitig ist China nach wie vor auf Welthandel angewiesen: Die eigene Binnennachfrage reicht nicht aus, um den industriellen Output zu absorbieren. Kooperation mit der EU und anderen Wirtschaftsräumen wird somit zur Überlebensfrage, doch auch diese haben kein Interesse an der Schwemme von Produkten zu Dumpingpreisen, die wohl auf sie zukommt. Und ein Dilemma bleibt: Wenn man der liberalen Idee folgt, dass verflochtene Volkswirtschaften keine Kriege führen, weil die wirtschaftlichen Kosten zu hoch sind – was passiert, wenn zwei Systemrivalen wie die USA und China vollständig voneinander abgekoppelt sind?

Zudem dürfte sich Deutschland freuen: Als finanziell stabilstes EU-Land erlebt es eine steigende Nachfrage nach Bundesanleihen („Bunds“ – wie „Bonds“, nur deutsch), was vor allem jetzt, wo Berlin 500 Milliarden EUR Sonderschulden, oder neudeutsch „Sondervermögen“ angelegt hat, um nach Jahren der Vernachlässigung der Infrastruktur zugunsten von Sozialprogrammen mal richtig schön auf Kosten der nächsten Generationen shoppen zu gehen und Wahlgeschenke zu machen.

Unter den Profiteuren nicht fehlen darf auch Donald Trump selbst, sowie seine Gefolgschaft. Vor laufender Kamera prahlt er damit, wie viel seine Freunde an den Börsenturbulenzen verdient haben: (mit dem Finger auf Charles Schwab zeigend:) „He made $2.5 billion today. … That’s not bad“[9]. Was nach Insiderhandel klingt, wäre in jedem anderen Land ein handfester Skandal – wenn denn Aussicht auf Konsequenzen bestünde. In den USA ist so etwas aber mittlerweile nur noch eine Fußnote wert.

Und die EU? Irgendwo dazwischen. Einerseits zeigen sich erste Schritte zur strategischen Eigenständigkeit, etwa in der Verteidigungsindustrie. Andererseits leidet vor allem der Export – besonders in Deutschland – unter der neuen globalen Unsicherheit. Vielleicht ist das Ganze ein notwendiger „Wake-up Call“. Vielleicht auch nur ein weiterer Schritt in Richtung geopolitischer Bedeutungslosigkeit. Es wird sich zeigen – ich hoffe jedenfalls auf Ersteres.

Die Verlierer dieser Entwicklung stehen indes klar fest. Die globale Weltwirtschaft und die liberale Weltordnung, wie wir sie kannten. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass die letzten 80 Jahre des Wohlstands eine absolute Ausnahmesituation in der jahrtausendelangen Geschichte der Menschheit sind und die Erwartung, dass dieses Glück immer währt, mit Skepsis zu betrachten sind[10].

V. Und jetzt?

Unter dem Vorbehalt, wie schwer es generell ist, zuverlässige Prognosen zu treffen – hierzu empfehle ich Talebs Black Swan, Tetlocks Superforecasting und Nate Silvers On the Edge – möchte ich dennoch einige mögliche Szenarien skizzieren. Sie sind keine Vorhersagen, sondern Denkanstöße, wie sich die gegenwärtige Lage entwickeln könnte.

Szenario 1: Milder Protektionismus als „Sieg“

Die temporären 10 %-Zölle bleiben für die angekündigten 90 Tage bestehen. In dieser Zeit gelingt es den USA, mit ausgewählten Handelspartnern neue Abkommen auszuhandeln – sei es durch symbolische Zugeständnisse oder tatsächliche Marktöffnungen. Das System wird erschüttert, aber nicht umgeworfen.

Ein milder Protektionismus etabliert sich als neue Norm, der innenpolitisch als Erfolg verkauft wird. Trump und seine Entourage werten das Ergebnis als Beleg für ihre Strategie – alles sei genau so geplant gewesen. Für die Märkte bedeutet das: Unsicherheit bleibt, aber die Panik verflüchtigt sich.

Szenario 2: Der Bumerang – globaler Rückschlag

Statt sich einschüchtern zu lassen, kontern China, die EU und weitere Handelsmächte mit asymmetrischen, aber gezielten Maßnahmen. China erhöht etwa die Importsteuern auf US-Agrarprodukte weiter und die EU kündigt digitale Sondersteuern auf US-Technologieriesen an. Die USA geraten unter Druck, denn: 

  • Landwirte in Swing States rebellieren,
  • US-Unternehmen verlagern ihre Produktion – ausgerechnet nach Mexiko und Vietnam,
  • die Inflation steigt – befeuert durch gestörte Lieferketten und höhere Importpreise.

Der Handelskrieg wird zum wirtschaftspolitischen Eigentor. Die Folge: Strukturelle Instabilität in den USA, einbrechendes Vertrauen der Märkte – und eine Weltwirtschaft am Rande der Rezession.

Szenario 3: Die kontrollierte Eskalation – „The Deal 2.0“.

In einem letzten Akt – vielleicht von Genialität, vielleicht von Zufall – gelingt es Trump, der Welt so massiv Druck zu machen, dass neue multilaterale Handelsverträge entstehen:

  • Die EU signalisiert Bewegung bei Agrarstandards,
  • China öffnet selektiv Sektoren für US-Investoren,
  • die WTO reformiert – notgedrungen – ihre Schlichtungsmechanismen.

Trump verkauft das als „größten Deal aller Zeiten“ – und liegt damit, aus seiner Perspektive, nicht völlig falsch. Tatsächlich entsteht aus dem Chaos eine neue Ordnung: weniger offen, stärker fragmentiert, aber funktional. Der Preis: Ein dauerhaft beschädigtes Vertrauen in die USA als berechenbaren Akteur – und ein geopolitisches Vakuum, das neue Mächte bereitwillig füllen.

Szenario 4: America Alone – der geopolitische Rückzug

Trump deutet die relative Marktstabilität nach seiner 180°-Wende als Legitimation seines Kurses. Er zieht sich weiter aus multilateralen Strukturen zurück, kündigt die WTO-Mitgliedschaft unter dem Vorwand „Diskriminierung gegen US-Produkte“ – und droht offen mit einem Austritt aus der NATO, diesmal mit Handelsgerechtigkeit als Vorwand.

Die Reaktionen:

  • Europa rückt gezwungenermaßen enger zusammen,
  • China formt neue Allianzen im globalen Süden,
  • in Afrika und Lateinamerika entstehen Freihandelszonen – ohne Beteiligung der USA.

Die geopolitische Folge: Der US-Dollar verliert an Vertrauen als Weltleitwährung, Märkte reagieren mit Nervosität, Kapital fließt in andere Sicherheiten – insbesondere nach Europa und Ostasien.

Szenario 5: Innenpolitischer Zerfall – Trade War meets Culture War

Die wirtschaftliche Instabilität trifft auf eine ohnehin gespaltene Gesellschaft.

  • Die Inflation in den USA frisst die Löhne auf,
  • die neue Arbeitslosigkeit trifft zuerst Minderheiten,
  • Trump schiebt die Schuld dem „Deep State“ zu.

Die Folge: Massendemonstrationen, regionale Streiks, zunehmende politische Fragmentierung. Einzelne Bundesstaaten – Kalifornien beispielsweise – fordern eigene Handelsverträge mit Kanada und Mexiko. Die USA drohen, nicht am Handelskrieg zu scheitern, sondern an sich selbst. Die Märkte preisen das Risiko ein: Gold und Bitcoin steigen raketenartig – nicht aus Hoffnung, sondern aus Furcht. Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr, ob Trump Recht hatte – sondern ob die amerikanische Demokratie das überlebt.

Sonderszenario: Kanada tritt der EU bei.

Ein völlig unrealistisches, aber charmantes Gedankenspiel – und wohl das einzig wirklich positive Szenario für Brüssel: Kanada verlässt die US-Handelszone, gründet mit Irland, Skandinavien und dem Baltikum ein „Atlantisches Bündnis der Vernunft“ – und schließt sich offiziell der EU an. Die Chancen dafür sind gering bis gleich Null. Der symbolische Gewinn wäre aber unermesslich.

Szenarienübersicht: Mögliche Entwicklungen im Zuge der US-Zollpolitik

SzenarioKurzbeschreibungFolgen für USAGlobale Auswirkungen
1. Milder Protektionismus „Es war alles so geplant“10 %-Zölle bleiben 90 Tage, einige VerhandlungserfolgeTrump verkauft Deals als Erfolg; innenpolitisch stabilSystem bleibt intakt, Märkte leicht verunsichert
2. Der Bumerang „Der Handelskrieg schlägt zurück“Gegenmaßnahmen von China, EU, Kanada & Co.Inflation, Unzufriedenheit in Schlüsselstaaten, strukturelle KriseWirtschaftliche Abkühlung, globale Rezession droht
3. The Deal 2.0 „Kontrolliertes Chaos“Druck führt zu echten Verhandlungen & WTO-ReformPolitischer Punktsieg, aber VertrauensschadenNeue, fragmentierte Ordnung entsteht
4. America Alone „Rückzug ins nationale Schneckenhaus“USA verlässt multilaterale Foren, isoliert sichKurzfristige Autonomie, langfristiger MachtverlustNeue Allianzen (China, globaler Süden), US-Dollar geschwächt
5. Trade War meets Culture War „Zollpolitik trifft Innenpolitik“Wirtschaftskrise eskaliert gesellschaftliche SpaltungProteste, Ungehorsam auf Bundesstaatsebene, Institutionen unter DruckInvestorenflucht, Gold & Krypto boomen
Sonderszenario: Kanada tritt der EU beiPolitisches Statement gegen US-KursSymbolischer Schlag gegen TrumpismusEuropäischer Imagegewinn, keine unmittelbare Marktwirkung


Am realistischsten erscheinen mir aktuell Szenarien 1 (milder Protektionismus) mit Potential für Eskalation zu Szenario 2. Denkbar wäre auch ein simpler geopolitischer Rückzug der USA (Szenario 4), wobei dieser meines Ermessens mit einem der anderen beiden Szenarien einherginge. 

VI. Conclusio

Die Vereinigten Staaten sind – bei aller gegenwärtigen Turbulenz – eine wehrhafte Demokratie. Das Risiko, dass sie sich zu einem durch und durch autoritären Staat entwickeln, halte ich für unter einem Drittel. Das ist viel für die älteste Demokratie der Welt – und doch: Auch das Beste hat ein Verfallsdatum. Wenn Wähler wiederholt gegen ihre eigenen Interessen stimmen, ist das zumindest kein stabiler Ausgangspunkt.

Trotzdem: Es hilft nichts, als positiv zu denken. Sollte sich Trumps Politik mittelfristig als schädlich für die Amerikaner erweisen, wird er früher oder später den Rückhalt der Eliten und weiter Teile der Bevölkerung verlieren. Da sein Ego wenig gut damit umgehen kann, als „Verlierer“ dazustehen, spricht vieles dafür, dass ihm zumindest gewisse Erfolge für sein Land am Herzen liegen – allein schon aus Eigennutz. Eine anhaltende Schwächung des US-Dollars und eine strukturelle Rezession dürften dabei kaum in seinem Interesse sein.

Insofern bleibe ich vorsichtig optimistisch, dass sich die Lage – nach allem Lärm und Getöse – wieder einpendeln wird. Vielleicht schon in wenigen Wochen. Vielleicht erst mit dem Ende seiner Amtszeit. Doch das Entscheidende bleibt: Haltung bewahren. Positiv bleiben. Aus jeder Krise ist bisher auch wieder ein Weg herausgeführt worden – und das wird auch diesmal so sein.


Hinweis:

Die Struktur, Ideen und Gedanken stammen von mir sowie aus den 100 Quellen und Inputs, die sich in meinem Kopf angesammelt haben. Ich weise darauf hin, dass Umformulierungen unter Verwendung von ChatGPT 4o erstellt wurden, jedoch stets mit konkretem Input von mir.


[1] Die Rendite ergibt sich aus der Risikoprämie. Höhere Unsicherheit führt zu einer höheren Risikoprämie.

[2] https://www.wsj.com/finance/investing/how-one-of-the-wildest-weeks-in-market-history-unfolded-41353450

[3] Ich verwende die Bezeichnung „USA“ aufgrund der generellen Geläufigkeit, auch wenn DSA (Divided States of America) vermutlich präziser wäre. 

[4] Eine Randnotiz zur Berechnung der „gegenseitigen Zölle“: statt die tatsächlichen Zollhöhen anderer Länder zu analysieren, hat das Weiße Haus das US-Handelsdefizit mit anderen Ländern genommen und durch den Importwert aus diesem Land geteilt und das als Zoll genommen. https://www.dw.com/en/trump-reciprocal-tariffs-trade-china-economy-wto/a-72177305; https://www.wsj.com/economy/trade/trump-says-tariffs-are-reciprocal-they-arent-fa80d94e

[5] https://apnews.com/video/leavitt-chides-media-for-missing-the-art-of-the-deal-as-trump-suspends-some-tariffs-d90bbbe8c63d40aa9b190e7d9bac42ab

[6] DOI: 10.1257/jep.34.4.3

[7] https://youtu.be/SFCdbKI5D5U?feature=shared&t=813

[8] https://www.wsj.com/business/that-new-charge-on-your-bill-call-it-a-this-tariff-isnt-our-fault-fee-ed05e7a2?st=zQxRAt

[9] https://thehill.com/homenews/senate/5244469-trump-insider-trading-investigation/

[10] Hier lohnt ein Blick in Peter Zeihans Buch „The End of the World is just the Beginning“